VOLKSTHEATER - JEDEN TAG THEATER

Haben 01

Haben

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Haben

Spielstätte: Haupthaus

von Julius Hay
Schauspiel
Alföldi/Menczel/Nagy
Premiere: 27. Februar 2015

Spielstätte: Haupthaus

In einem ungarischen Dorf, dessen Ackerland von Großgrundbesitzen wie von einem eisernen Gürtel umschlossen ist, sterben die Männer wie die Fliegen. Niemand ahnt, dass die Frauen des Dorfes hinter den Todesfällen stecken: Angetrieben von der Hebamme Képes vergiften sie ihre Männer aus Gier nach Besitz und persönlicher Freiheit. 

Ein armes, junges Mädchen, Mari, hat ihren Job in der Stadt, und damit die Chance, aus dem Dorf auszubrechen, verloren. Sie hofft, dass ihr Geliebter, der junge, mittellose Polizist Dani, vielleicht eine Idee hat, wie es mit ihnen weitergehen soll. Doch Danis einzige Hoffnung besteht darin, ein schweres Verbrechen zu ermitteln, und dafür außer Tour befördert zu werden. So viel Zeit hat Mari aber nicht, denn sie trägt Danis Kind schon unter dem Herzen. Somit glaubt sie keine Wahl zu haben, und heiratet mit der Hilfe der Hebamme den reichsten Mann des Dorfes, Dávid, der in sie verliebt ist. Mit dem Gift der Hebamme tötet sie ihn aber zu früh, gleich am Morgen nach ihrer Hochzeit. Und obwohl Dani eine andere verdächtigt, kommt seine Ermittlung allen mörderischen Witwen zu nahe. Dávids hatschige Tochter kennt inzwischen das Geheimnis des weißen Pulvers auch, und nun stehen eine Waise und eine Witwe mit 90 Joch und zwei Giftkuverts einander gegenüber. Und Dani glaubt sich dem Ziel seiner Ermittlung nahe …

Das Schicksal des heute zu Unrecht vergessenen Schriftstellers Julius Hay, geboren 1900 im ungarischen Abony, war so wechselvoll wie das 20. Jahrhundert: Der ewige Exilant floh 1919 aus Ungarn nach Deutschland, das er 1933 als Jude Richtung Österreich verließ, wo er als Kommunist verhaftet wurde. Danach führte ihn sein Weg weiter in die Sowjetunion. 1945 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er 1956 – diesmal als Antikommunist – zu sechs Jahren Kerker verurteilt wurde. 1963 emigrierte er erneut – in die Schweiz, wo er 1975 starb.

Haben, seinen subversivsten und vielschichtigsten Text (basierend auf einer wahren Begebenheit) schrieb er – in deutscher Sprache – zwischen 1934 und 1936 im Exil. Es ist ein erschreckendes, allem bösen Witz zum Trotz grausames Stück über Werte und Klassenfragen, darüber, was käuflich ist im Leben, und was für Geld nicht zu haben ist: Das kapitalistische System, das von der Hebamme errichtet wird, ist eine Zone, in der Vieles im Grau versinkt.
 

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  • Regie und Ausstattung

    Regie: Róbert Alföldi
    Bühne: Róbert Menczel
    Bühnenbildmitarbeit: Tamara Raunjak
    Kostüme: Fruzsina Nagy
    Dramaturgie: Anna Lengyel, Hans Mrak

  • Besetzung
    Frau Képes, die Hebamme Erni Mangold
    Mari Árva Andrea Bröderbauer
    Die Witwe Árva, Maris Mutter Martina Stilp
    Die Witwe Biró Claudia Sabitzer
    Die Witwe Nátli Alexandra Maria Timmel
    Tante Rézi Inge Altenburger
    Die Frau des Schulmeisters Wiltrud Schreiner
    Zsófi, Dávids Tochter Annette Isabella Holzmann/Suse Lichtenberger
    Rozi, Vágós Enkelin Verena Altenberger
       
    Nachbar Dávid, ein reicher Bauer Haymon Maria Buttinger
    Dani Balló, Polizist Aaron Friesz
    Máté Molnár, Inspektor Alexander Lhotzky/Günter Franzmeier
    Hochwürden Patrick O. Beck
    Der Arzt Ronald Kuste
    Der Schulmeister Thomas Kamper
    Godó, der Tischler Thomas Bauer
    Der alte Vágó Rainer Frieb
    Der Maurer Matthias Mamedof
    Ein Eisenbahner Günther Wiederschwinger
    Ein schwarzer junger Mann Jan Sabo
    Ein blonder junger Mann Tany Gabriel
  • Pressestimmen

    „Der Titel des Volksstückes Haben ist auch schon der ganze Witz. Eine ungarische Dorfgemeinschaft steht an der Schwelle zur Neuzeit. Die Armen darben, die Reichen werden immer reicher. Doch unter den Augen der Obrigkeit passiert Skandalöses: Der Tod hält reiche Ernte, er rafft ausnahmslos die Grundbesitzer dahin. Das Land mit der "fetten Erde" fällt automatisch an die Witwen. Julius Hay (1900-1975), der jüdische Dramatiker mit den kommunistischen Wurzeln, lässt ein zynisches Gelächter erschallen. Es ist ausgerechnet die Hebamme des Dorfes, die allen Frauen, die ihre Gatten leid sind, das todbringende "weiße Pulver" überreicht. Im Wiener Volkstheater, wo Haben bereits 1945 auf dem Programmzettel stand, wird der vergessene Klassiker als schaurig schönes Melodrama neu erzählt. Regisseur Róbert Alföldi ist als geschasster Leiter des ungarischen Nationaltheaters ein besonders prominentes Opfer der nationalen Rückbesinnung in unserem schönen Nachbarland. In Wien hat er seinen Ausstatter Róbert Menczel eine matschige Böschung bauen lassen. Auf zwei Planken stolpern die Dörfler hinunter in die Niederungen des Daseinskampfes. Ein Steg ragt weit hinein ins Parkett. In der Bühnenmitte aber steht das Heiligtum: eine Madonnenstatue hinter Glas. Im Schutz dieser Vitrine verbirgt die Amme Képes (Erni Mangold) das todbringende Mittelchen. Ihre neueste Kundin ist das Mädchen Mari (Andrea Bröderbauer). Die hat ihre Anstellung in der Stadt verloren. Das Kind des Polizisten Dani (Aaron Friesz) trägt sie unterm Herzen. Die Ehe mit dem Grundbesitzer Dávid (Haymon Maria Buttinger) soll sie für alle Zeiten sanieren. Überhaupt mit seinem Tod (Gott möge abhüten!) wäre sie fein heraus. Diesem vierschrötigen Mann schwillt ohnehin schon das Gesicht, denn er lebt in ständiger Angst vor dem Schlagfluss. Bröderbauer aber gibt ihrer Figur ein kostbares Erbe mit auf den Weg. Sie ist die spröde magyarische Schwester der Ödön-von Horváth-Fräuleins. Wenn ihr kleiner Streifenpolizist nach ihr ruft, lässt sie sich gerne dreimal bitten. Dafür zögert sie nicht, das, was ihr zusteht, von ihrer Umwelt einzufordern. Dann lässt sie sich von ihrem Staatsbeamten auch vor der Figur der Heiligen Jungfrau sexuell befriedigen. Die nüchterne Sachlichkeit Maris ist das eine Ereignis dieser unbedingt empfehlenswerten Inszenierung. Man bekommt eine reichhaltige Typenparade vorgesetzt. Die Kostüme aus dem Humana-Kleidersack lassen an die Armutsentwicklung der letzten Orbán-Jahre denken. Zum anderen herrscht unter den Dörflern eine Gereiztheit, die für die Entwicklung dieser Gesellschaft nichts Gutes erahnen lässt. Der Faschismus, deutet Alföldi an, ist ein immer wiederkehrendes Phänomen. Er sitzt in den Herzen der Kleinhäusler, die da sind: der Trunkenbold von Priester (Patrick O. Beck), eine geschundene Figur. Der Arzt (Ronald Kuste), der sich frustriert durch die agrarischen Erzeugnisse frisst. Die Schulmeistersgattin (Wiltrud Schreiner), die Fortschritt wie eine erotische Heimsuchung ahndet. Die Sache mit der Erbschaft geht für Mari nicht gut aus. Ihr "guter Geist" ist nämlich böse. Mangold brilliert mit ihrer im Schlaf gekonnten Figur der unnahbaren, dennoch volkstümlichen Alten. Eine Leistungsschau des Volkstheaters.“ (Der Standard)


    „Róbert Alföldi inszeniert im Volkstheater mit maximaler Dramatik Julius Hays »Haben«. Das Ensemble mit Erni Mangold an der Spitze ist großartig. Jedenfalls beruht das Stück aus den 1930er-Jahren auf einer wahren Geschichte, die schlimmer war als das Drama: „Der Teufel von Tiszazug“ wurde die Hebamme genannt, die in den 1920er-Jahren Frauen Gift gab, damit sie ihre Männer beseitigen und deren Grundbesitz an sich bringen – 160 Morde waren in Szolnok verübt worden, bevor erster Verdacht aufkam. Wer übers Land reist, wird – keineswegs nur für Ungarn typisch – die von Hay gezeichnete Atmosphäre immer noch vorfinden: Die Macht liegt bei Großgrundbesitzern, Großunternehmen, danach kommen Polizei, Kirche, die Leute wirken gemütlich, geben sich aber auch auf – oder bespitzeln einander. Das Theater triumphiert über alle Irritationen. Hart, aber nicht zynisch. Ein Maisfeld mit Klapptüren symbolisiert das dörfliche Leben. Eine Madonna steht in einem Glaskasten, die Kirche dient hier auch unheiligen Zwecken, unter der Madonna bewahrt die Hebamme das Arsen auf – und das junge Paar vergnügt sich in der Kirche, ein Schockmoment, aber im Ernst, wo sollen zwei Menschen, die ständig beobachtet werden, Schutz suchen? Die Schauspieler übertreffen sich selbst. Erni Mangold repräsentiert als Hebamme ein System, dem offenbar schon ihre Vorgängerinnen folgten: Sie ist die Herrin über Tod und Leben, eine schlaue, mit unbewegter Miene, aber nicht zynisch, bloß pragmatisch. Andrea Bröderbauer wirkt ein wenig müde als Mari, die beim Advokaten in der Stadt arbeiten wollte, bald wieder ins Dorf zurückmusste, in dessen Mühlen sie zermahlen wird, das Angestrengte passt durchaus zur Rolle. Annette Isabella Holzmann ist grandios-facettenreich als listige Zsófi, die Tochter des nicht minder eindrucksvollen Haymon Maria Buttinger als reichen Bauern, der wild und wie ein höchstens 30-Jähriger Ringelreihen tanzt mit seiner schönen Braut Mari, deren Herz dem jungen Polizisten Dani gehört: Aaron Friesz, der von der Jungen Burg kommt, wirkt etwas gezähmt gegenüber seinen dortigen Auftritten. Weitere Wunderbare: Patrick O. Beck, endlich einmal kein lächerlicher Priester, sondern ein Mann, den sein Amt und seine Gelübde herumreißen; Martina Stilp als Maris Mutter; Claudia Sabitzer als Witwe Biró, die fürchtet, dass ihr Mord durch Maris Tat auffliegt. Fast wunderbar: Alexander Lhotzky als Inspektor, der Ruhe haben und Ruhe bewahren will; Ronald Kuste als hektischer Doktor, der Kürbissuppe und Krapfen pampft; Rainer Frieb als alter Vágo, der mit dem Maurer (Matthias Mamedof) Stimmung für die entlassenden Melker macht, die Obrigkeit wittert revolutionäre Umtriebe. Fast drei Stunden mit einer Pause dauert dieser atemlose, über weite Strecken auch atemberaubende Abend, eine Freude für Freunde des Emotionalen ohne Melodramatik, es gibt auch ein paar komische Momente.“ (Die Presse)


    Starke Ensembleleistung bei "Haben". Jetzt wieder im Volkstheater, das dieses Drama mit aller darstellerischer Kraft und heutigen Bezügen auf die Bühne stemmt. In der naturalistisch-expressiven Regie von Robert Alföldi, der Hays Stück als Abrechnung mit jeder Blut-und Boden-Ideolgie und mit dem Ungarn des Viktor Orban versteht. Regisseur Alföldi nutzt diese Geschichte, um Obrigkeiten, Kleriker und vermeintlich vorgegebene Strukturen zu hinterfragen. "Wer das Haben beherrscht, beherrscht die Welt", sagt die alte Hebamme einmal. Und um Haben und Nicht-Haben geht es auch im Stück. Jede Rolle hat hier Bedeutung; Striche duldet die Regie nicht. Das Ergebnis ist eine starke Ensemble-Leistung, die von der unvergleichlichen, in ihrer Rolle unerbittlichen Erni Mangold als Giftmischerin und Marien-Todesengel zugleich angeführt wird. Andrea Bröderbauer erspielt sich die Mari mit einer kompromisslosen, zärtlichen Traurigkeit; Aaron Friesz gibt einen an Büchners "Woyzeck" gemahnenden, getriebenen Dani. Martina Stilp, Annette Isabella Holzmann, Alexandra Maria Timmel, Haymon Maria Buttinger, Patrick O. Beck und Alexander Lhotzky ragen aus dem Ensemble heraus.“ (Kurier)


    „Auf den ersten Blick hin könnte das der Plot zu einer tiefschwarz humorigen Komödie sein. Doch der heute so gut wie vergessene Autor Julius Hay (1900-1975), der in Berlin 1933 als Jude und Kommunist flüchten musste, als Exilant im stalinistischen Russland überlebte und 1956 als einer der Wortführer des Ungarn-Aufstands inhaftiert wurde, bezog sich in seinem Schauspiel "Haben" auf einen 1929 aufgedeckten, spektakulären Kriminalfall in einem weltvergessenen Dorf in der ungarischen Tiefebene. Hay deutete das Geschehen in seinem 1938 vollendeten Werk als Parabel auf den Funktionsmechanismus des Kapitalismus. Nun steht das Stück im Volkstheater - 1945 Ort der skandalumwitterten deutschsprachigen Erstaufführung - in einer Inszenierung von Róbert Alföldi neuerlich zur Diskussion. Dem Orban-Regime nicht genehmen, als Intendant des ungarischen Nationaltheaters 2013 abgesetzten Regisseur, geht es um das Aufzeigen der "krassen Armut, wie sie in Ungarn verbreitet ist" und überdies um die "große Liebesgeschichte" zweier junger Menschen in einer schier aussichtslosen Situation. Alföldi veranschaulicht dies in einer personenreichen, straffen Inszenierung. Andrea Bröderbauer zeigt eindrucksvoll Maris Wandlung vom schüchternen jungen Mädchen zur selbstbewusst und ohne Gewissensbisse auftretenden Frau, die nun mit ihrem Dani (Aaron Friesz) ein sorgenfreies Leben beginnen möchte.“ (Wiener Zeitung)


    „Die Zeiten haben sich geändert, aber manches trifft noch immer den Nagel auf den Kopf – hier wie in unserem Nachbarland Ungarn. Hays Stück bevölkert eine Vielzahl ländlicher Typen, ist aber kein Blick in eine absurde Welt, sondern eher ein Versuch, das menschliche Wesen in allen Facetten bis zur Perfidie, die Unzulänglichkeiten des Zusammenlebens und der Gesellschaft überhaupt zu zeigen. Das direkt. Was es dazu braucht, ist eine Vielzahl an Charakteren. Die bringt das Volkstheater im Großen und Ganzen auf, allen voran Erni Mangold als Frau Képes, eine Hebamme, Giftmischerin, wohl auch Engelmacherin. Zentrale Figuren sind das Liebespaar Mari und Dani (überzeugend und treffend widersprüchlich im Handeln: Andrea Bröderbauer und Aaron Friesz), aber Dörfler vom Herrn Hochwürden (Meister der Rückzieher: Patrick O. Beck) bis zur schwindsüchtigen, ums Erbe mit der jungen Stiefmutter Mari mit allen Mitteln kämpfenden, schwindsüchtigen Zsófi (Annette Isabella Holzmann). Róbert Alföldi ändert die Stimmungen, wie sich die Tageszeiten ändern, karikiert nicht, sondern gibt vielen der Gestalten etwas Grausiges, anderen wieder Dumpfes.“ (Kronen Zeitung)
     

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    Volkstheater Wien - Haben

    © Johannes Hammel

    Volkstheater Wien - Erni Mangold zu "Haben" von Julius Hay

    © Markus Spitzauer

    Volkstheater Wien - Probenausschnitte zu "Haben" von Julius Hay

    © Markus Spitzauer

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